12.03.2018

Diesen einen Chef hatten wir doch alle schon einmal. Cholerische Anfälle gehören zur Tagesordnung, frauenfeindliche Sprüche ziehen sich durch jede Gruppenansprache, Fehler werden breitgetreten und die betroffene Person wird vor der ganzen Truppe bloßgestellt. Der Chef brüstet sich damit, seine Mitarbeiter mal wieder richtig zusammengefaltet zu haben, eigentlich ist er der Einzige, der was kann und du denkst dir nur, was für ein Arsch.

Genauso gibt es die andere Seite, die dich als Mitarbeiter unzufrieden werden lässt. Dein Vorgesetzter ist zwar der nette Kerl, doch ihm fehlt jede Durchsetzungskraft. Kein Mitarbeiter hat Respekt vor Ihm, er zittert vor einem Mitarbeitergespräch mehr als der Mitarbeiter und über Konflikte spricht er am besten gar nicht.

Und dann haben wir noch den dritten Fall. Dein Vorgesetzter hat einfach keine Ahnung. Keine Ahnung, was du als Mitarbeiter treibst, aber auch keine Ahnung, was oben in den Etagen läuft. Und fachlich wäre er besser Streifenpolizist geworden und kein Vorgesetzter mit Mitarbeiter-, Projekt- und Umsatzverantwortung.

Natürlich gibt es hier auch Mischformen und oft ist es so, dass der Chef irgendwann seine nicht vorhandene natürliche Autorität durch Drohungen, plötzlichen Abmahnungswahn oder Machtdemonstrationen ersetzen muss.

In der Regel schimpfen wir über Ihn: Entweder zu Hause oder wir lästern gerne mit unseren Kollegen. Bringt das was?

Vielleicht lassen wir es sogar "nach oben" eskalieren und informieren per Brief die Führungsetage. Doch ob dann etwas passiert, ist auch ungewiss oder wir suchen uns eine neue Abteilung oder sogar eine neue Firma.Ist das die Lösung?

Das Schlimmste wäre, wenn wir diesen Psychoterror und diese Unfähigkeit über uns ergehen lassen und es zulassen, dass am Ende in uns selbst körperliche oder seelische Krankheiten wachsen. Darf das sein?

Ich denke nicht! Doch was können wir tun?

Ich schule unheimlich gerne Führungskräfte, da ich finde, dass kein Mitarbeiter solch einen "Zustand" verdient hat. Denn gerade in meiner eigenen Tätigkeit, habe ich sowohl im Lebensmitteleinzelhandel oder in der Fitnessbranche, solche Chefs kennengelernt und war sogar manchmal leider einer ihrer Mitarbeiter.

Deswegen habe ich eins gelernt und mir zu Herzen genommen: Lasst es nicht zu, sondern legt Euch eine Strategie zurecht, wie Ihr Vorteile für euer Team, Eure Firma und euch selbst erreichen könnt. Dann werdet Ihr auch wieder Spaß an der Arbeit haben, trotz einem Arsch über dir.

Denn die Frage: "Wie konnte der nur Chef werden?", wird Euch nicht wirklich weiterhelfen.

Anhand eines selbst erlebten Beispiels, kann ich euch hoffentlich Möglichkeiten eröffnen"Happy Leading" auch "von unten" zu leben. Viel Spaß dabei!

Zu Beginn deiner Strategie solltest du dir überlegen, was überhaupt dein Ziel ist. Denn wenn du mit deiner Arbeit erfolgreich sein möchtest, solltest du auf jeden Fall anders handeln als es dich vermutlich oft denken lässt.

Oft habe ich nämlich dann die Gefühle Wut oder Angst erkannt. Aus diesen Gefühlen entstanden dann oft die Gedanken: "Wie kann so einer nur Chef sein? Der muss weg!" oder "So ein Arschloch, das lasse ich mir nicht mehr bieten, der kann sehen wo er bleibt,wenn ich mal nicht da bin." oder "Naja, was kann ich schon ausrichten? Immerhin ist er der Chef. Da lass ich es lieber über mich ergehen, aber behalte meinen Job."

Diese Gefühle und Gedanken sind absolut verständlich. Dennoch müssen wir sie ablegen. Das heißt wir müssen unsere Angst überwinden, etwas zu ändern. Und vor allem (Wir Männer sind da oft von betroffen) müssen wir unser Ego und unseren Stolz nach hinten verfrachten.

Natürlich können Sie versuchen, Ihren Chef "zu stürzen" und sich das alles nicht bieten zu lassen. Doch das kann viel Kraft kosten, Ihrer Firma und Ihnen nicht unbedingt helfen, andere Mitstreiter leiden unter dem Konflikt. Evtl. kostet es sogar Ihren Job und sie wissen auch nicht, wenn es klappt, wer dessen Nachfolger wird. Also spricht einiges für eine andere Strategie.

Als ich meine erste Filiale im Fitnessbereich übernahm bekam ich nach einigen Monaten auch einen neuen Vorgesetzten. Er war berühmt-berüchtigt, aber da ich relativ neu war, kannte ich die Vorurteile zum Glück nicht.

Dennoch stellte sich sehr schnell raus, dass er (nett ausgedrückt) nicht gerade einfühlsam war.

Jeden Tag hatten wir Clubmanager (ca.10) eine Telefonkonferenz und mussten ausführlich "Rechenschaft" über unsere Vertriebszahlen ablegen. Der Erfolg eines Fitnessstudios basiert auf vielen weiteren Faktoren, doch wir sprachen täglich über Vertriebszahlen und Vertriebsziele. Er nahm sich jedes Mal jeden einzelnen im Gespräch zur Brust und fragte alle Zahlen ab. Sobald du nicht detailliert antworten konntest, ging es dann auch schon los mit dem Rundumschlag. Natürlich hatte er seine 1-2 Opfer die täglich die volle Breitseite bekamen. Dabei wurde er auch gerne mal laut. Was für ein Horror für die betroffenen Kollegen. Dauer täglich ca. 1,5 Stunden.

Sein Redeanteil lag bei 90% und Verständnis war ein Fremdwort. Das sah auch bei persönlichen Telefonaten oder seinen Besuchen im Club nicht anders aus. Ob du ein neuer Mitarbeiter warst oder nicht, war da egal. Es gab immer Druck. Kurz um, was für ein Arsch.

Doch meine Kollegen waren erstaunt, dass ich diese Rundumschläge nicht abbekam, dass meine eigenen Mitarbeiter von diesem Druck wesentlich weniger mitbekamen und natürlich haben sie irgendwann gefragt, was ich denn anders mache.

1. Ziel setzen

Also habe ich mir meine Ziele gesetzt, was ich von dieser Führungskraft erwarten kann, wie er mir trotz aller sozialen Schwächen helfen kann und das ist das wichtigste: Überlegt, wie ich meinen Einflussbereich (auch auf Ihn) vergrößern kann. Das heißt, was muss ich tun, damit er das tut, was ich gerne hätte.

Denn was war meine Alternative? Ich war ganz neu, da kann ich schlecht meinem Vorgesetzten erzählen, was er für ein Arsch ist und nur weil ich mal einen nicht so coolen Chef hab, haue ich auch nicht gleich ab. Das haben wir früher beim Fussball auch nicht gleich gemacht, nur weil der Trainer soziale Entwicklungsfelder hatte.


Also Erfolg vor Stolz gestellt und ran an den Speck.

2. Analyse seiner Stärken

Jeder Mensch hat gewissen Stärken. Er war fachlich absolut top im Vertrieb. Er war sehr detailversessen und absoluter Experte in den IT-Systemen. Ich war neu und war das nicht.

Also habe ich mir proaktiv diese Hilfe bei Ihm geholt und durch Fragen dieses Wissen genutzt.

Selbst, wenn ich etwas nicht wusste oder sogar einen Fehler begangen habe, habe ich dann seinen Rat gesucht. Es war mir nun mal lieber von seinem Wissen zu profitieren, als mir eine Standpauke abzuholen.

Was war der Effekt? Ich habe viel gelernt, wir hatten eine fachliche souveräne Gesprächbasis und er wusste, dass ich motiviert bin und bereit bin, mir Sachen von Ihm anzunehmen. TIPP: Menschen, die sich Hilfe holen, wirken bei dem Gefragten sympathischer. Merkt euch das.

Ein weiterer Effekt war, dass er mir anstatt Druck, Vorschläge machte, die ich als Vertriebsaktionen umsetzen konnte. Einige davon scheiterten, obwohl ich alles so umsetzte, wie er es wollte. Hätte er mir zugehört, hätte er gewusst, dass diese scheiterten. Dennoch wusste er, dass ich seine Ideen annahm und umsetzte. Durch das Scheitern musste er sich eingestehen, dass nicht alles funktioniert, was er vorgibt. Doch er konnte mir keine Vorwürfe mache, da ich alle Schritte detailliert protokollierte und somit nicht die Umsetzung, sondern die Idee an sich schlecht war. Dadurch gab er mir Freiraum mit meinem Team eigene Aktionen zu starten. Natürlich trug er diese auch weiter, verkaufte die Ideen gerne als seine, aber die Leute wussten auch, wo diese Ideen herkamen. Es war alles getrackt und jeder in der Firma konnte sehen, welcher Club sich plötzlich positiv entwickelt. Die Geduld zahlte sich aus.

3. Abliefern was er braucht, um zu arbeiten.

Natürlich könnten man hier meinen, dass Arschkriecherei betrieben wurde. Doch meinem Chef die Zahlen zu liefern, die er brauch oder ihm ständig einen Kaffee zu bringen sind für mich elementare Unterschiede. Wir wissen, dass es unterschiedliche Teamtypen und Charaktere gibt. Dies habe ich mir bewusst gemacht und sein analytisches Wesen gefüttert.

Denn er konnte aus diesen ganzen Zahlen gute Schlussfolgerungen ableiten und es war viel schlimmer, dass er dich mal wieder 10 Minuten zusammen faltet, weil du keine 5 Minuten investiert hast um deine Fakten vorzubereiten.

Und außerdem war es für mich eine super Übung, meine Zahlen ordentlich aufzubereiten. Klingt vielleicht blöd, aber ja, positives Denken kann einiges an Druck raus nehmen. Ein Beispiel war z.B. dass er fast täglich am Nachmittag in allen Clubs angerufen hat. Als erstes natürlich in den Clubs, bei denen die tagesaktuellen Vertriebszahlen nicht gut waren. Sein größtes Mittel, war dann die Standpauke. Und die kostete Zeit. Ich hatte aber keine Zeit und natürlich auch keine Lust auf den Scheiß. Also schrieb ich ihm bei schlechten Zahlen eine detaillierte Email, mit den Gründen und den folgenden und realistischen Maßnahmen. Die Email kostete mich 3 Minuten Zeit, ersparte mir aber diese "Bad Vibrations" am Telefon und er wusste, dass ich im Bilde bin und er mir nicht hinterher telefonieren musste, wie er es dann bei Kollegen machte.

4. Feedback geben

Ja klar, irgendwann brauchte er dann auch mal Feedback zu seinem Verhalten. Denn so bleiben kann es natürlich nicht. Durch die ersten 2 Schritte war ich in seinem Ansehen schon gewachsen. Deswegen hatte ein Feedback von mir auch schon Gewicht. Bist du in seinen Augen ein Underperformer und auch noch ein Opfer seine regelmäßigen Tiraden, wirst du Ihn wohl nur schwer erreichen und er wird auf dein Wort nicht viel Wert legen.

Wenn du vor hast, Ihm demnächst mal ein Feedback zu geben, fange an Ihm immer mal wieder ein kleines eher positives Feedback zu geben. Natürlich sollte es ehrlich sein. Das heißt, dass ich meinen Chef für sein Fachwissen gelobt hatte. Ich hatte mich für seine Hilfe bedankt. Wichtig ist, dass es wirklich in der Ich-Form formuliert ist. Bei einem persönlichen Besuch hatte ich ihm dann auch irgendwann die Kritik genannt. Doch auch diese habe ich in einem "Lobburger" verpackt. Das heißt, erst das positive, dann das negative und dann wieder etwas positives.

Somit habe ich Schritt für Schritt meinen Einfluss erhöht und versucht das Beste für mich und mein Team rauszuholen. Das heißt auch, dass ich mit Spaß an die Arbeit gehen konnte.

Diese Strategie wird dir auch bei fachlich schwachen Chefs helfen. Er kann dann von deinem Wissen profitieren und dein Einflussbereich wird sich vergrößern. Auch wenn du Ihm das erst mal nicht gönnst. Scheiß drauf. Es geht hier um dich und deinen Weg. Man wird deine Arbeit noch anerkennen. Außerdem hast du einen anderen Menschen besser gemacht und ihm geholfen. Auch wenn es in dem Fall dein Chef ist. Könnte doch schlimmer sein oder?

Und wenn dein Chef keine Entscheidungen treffen kann, dann freue dich doch. Du darfst Entscheidungen treffen und Einfluss nehmen. Dadurch erhöht sich deine Wirkungsgrad signifikant. Die Wahrscheinlichkeit für eine Beförderung oder eine Gehaltserhöhung steigen an.

Habe Geduld, frage dich, ob dir dein Ego wichtiger als Erfolg ist und mach dir einen Plan. Auch mit einem Arsch als Chef lässt es sich arbeiten. Zumindest für einen gewissen Moment, später kommt deine Zeit oder jemand Besseres. Deine Stärken werden die Fehler deines Chefs sichtbar machen.

Euer Marcus