Happy leading - Wieviel Distanz braucht ein Chef zu seinem Team?

18.12.2017

Wir Führungskräfte befinden uns immer wieder in eigenen Konflikten. Auf der einen Seite, sollen wir alle Mitarbeiter gleich und fair behandeln. Auf der anderen Seite, sollen wir aber auch verständnisvoll sein und auf individuelle Schicksale eingehen. Wir sollen wirtschaftlich denken und entscheiden, aber den Mitarbeiter nie aus den Augen verlieren. Und genauso kämpfen wir auch immer mit der richtigen Distanz gegenüber unseren Mitarbeitern.

Kann das denn überhaupt funktionieren?

Machen Sie doch mal eine Abfrage, was Ihre Mitarbeiter von Ihnen erwarten. Folgende Punkte werden sicherlich am Ende auf der Flipchart stehen, denn das sollen wir Chefs, laut unserer Mitarbeiter sein:

fair, kompetent, konsequent, durchsetzungsstark, verständnisvoll, Unternehmer, zielstrebig, streng, entspannt, sollen den Überblick behalten, erreichbar, offen, usw...

Aus diesen Erwartungen ergeben sich schnell folgende Rollen:

Vorgesetzter, Coach, Freund, Unternehmer, Zuhörer und manchmal auch eine Art Vater-oder Mutterrolle!

Ist es jetzt einfacher oder besser geworden? Ist das überhaupt zu bewerkstelligen und sollten Sie jetzt Ihre Mitarbeitern duzen oder besser siezen oder sind Sie überhaupt noch Führungsstark, wenn Sie mit Ihren Mitarbeitern einen trinken gehen? Gerade in der jetzigen Weihnachtszeit kommen diese Fragen immer wieder auf.

Auch mir fiel es anfangs schwer die richtige Mischung zu finden. Und das ist völlig normal. Mit 24 übernahm ich mein erstes Team mit ca. 30 Leuten. Und ja, ich war der jüngste. Also erstmal auf Distanz. Gar nicht so viel von mir selbst erzählt und preisgegeben. Doch es war schwierig auf eine Wellenlänge mit meinen Mitarbeitern zu kommen. Natürlich führte ich viele Gespräche um sie kennenzulernen. Doch um sie zu verstehen, mussteich nicht nur zuhören, sondern mich auch mit Ihnen beschäftigen. Erst wenn ich Ihr Umfeld kenne und weiß wie sie Leben, dann kann ich sie verstehen und vor allem individuell motivieren.

Doch auch hier ist vorsicht geboten. Mitarbeiter können auch wie kleine Kinder sein und versuchen Grenzen auszutesten. Ob bewusst oder unbewusst ist völlig egal. Und umso stärker Sie als Führungskraft sind, umso mehr wollen Ihre Mitarbeiter eine Schwäche rausfinden. Denn dann meinen Mitarbeiter, sind sie in Konfliktsituationen handlungsfähig.

Also ging es mir nicht anders: "Marcus wir müssen unbedingt mal einen trinken gehen. Wir gehen alle feiern, bist du dabei?" Also was tun?

Es gibt hier kein Pauschalrezept. Eins müssen Sie jedoch wissen und erkennen. Mitarbeiter können und werden am Ende knallhart sein und es fällt Ihnen schwer Ihren Ausrutscher auszublenden. Wenn Sie dann irgendwann betrunken auf der Weihnachtsfeier einschlafen (ist mir zum Glück nicht passiert) dann bröckelt Ihr kompetentes und starkes Bild. Gerade was das Thema Feiern und Alkohol feiern angeht, sollten Sie vorsichtig sein. Ein richtig guter Chef von mir sagte mal: "Man kann auf solchen Veranstaltungen nicht viel gewinnen, aber viel verlieren." Und damit hat er vollkommen recht.

Deswegen, wenn Sie mit Ihren Mitarbeitern feiern gehen, dann verzichten Sie auf berufliche Gespräche. Halten Sie sich zurück und hören Sie zu. Genießen Sie den Abend, aber nach dem dritten Bier sollte dann auch Schluss sein. Alles was dann kommt, wird Sie nicht zu einem besseren Chef machen.

Mein Team und ich zum Beispiel hatten tolle Erfolge und es war klar, wenn ich es mal verlasse, dann wird gefeiert. Und ja, das haben wir. Und wir haben als Freunde und nicht mehr als Chef und Mitarbeiter gefeiert. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass es nicht nur bei einem Bier und einem netten Beisammensein blieb. Wir wurden Freunde.

Doch nach ca. 1 Jahr musste ich als Feuerwehrmann wieder zurück und durfte dieses Team nochmal betreuen. Und ja, dank dieser Feier und diesem Jahr, war es eine andere Zusammenarbeit. Doch was tun, wenn Sie mal die Zügel haben schleifen lassen oder Ihnen etwas unangenehmes passiert ist?

Hier kann ich Ihnen nur eine Empfehlung geben. Also zeigen Sie Stärke und stehen Sie dazu. Wir alle sind menschlich. Und das ist gut so. Und es kommt am Ende eh alles raus.

Auch ich habe zugegeben, dass mich meine Mitarbeiter anders kennengelernt haben und wir ein anderes Verhältnis hatten, als zu Beginn unserer Zusammenarbeit. Also wenn Sie Bedenken haben und mir etwas vorwerfen wollten, dann jetzt. Zählen Sie ruhig Ihre Verfehlungen auf und stehen Sie zu diesen. Wenn es Ihnen z.B. mal passiert, dass Sie einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin zu Nahe gekommen sind, dann stehen Sie dazu. Es wissen doch eh schon alle. Seien Sie stark und stehen Sie zu sich und Ihren Entscheidungen.

Das Dilemma mit dem Du und dem Sie?

Immer wieder kommt es in Seminaren zu Diskussionen, was besser ist. Du oder Sie? Ich habe mal bei einem sehr erfolgreichen Lebensmitteleinzelhändler gearbeitet. Das "Sie" war gesetzt. Für mich war es etwas ungewohnt, da ich aus einem englischen Unternehmen kam und wir uns natürlich alle dutzten. Doch irgendwann kam eine Anweisung von Oben, dass wir ein modernes Unternehmen sein wollen und ab sofort gedutzt wird. Für mich war dieses Schauspiel herrlich, denn: Es brach das absolute Chaos aus. Wochenlange heftige Diskussionen folgten. Weder Führungskräfte noch Mitarbeiter wussten damit umzugehen. Dabei kann ich Ihnen nur 2 Dinge mitgeben:

  1. Wenn in Ihrem Unternehmen gesiezt wird, stellen Sie den Mitarbeitern klar, ab wann jemand geduzt wird. Irgendwann bricht dieses Muster unter Kollegen immer auf. Mitarbeiter wünschen sich Transparenz und Klarheit. Gerade neue Mitarbeiter möchten dann wissen, wen sie Siezen müssen und wann sie von wem wie angesprochen werden.

  2. Du oder Sie ist völlig egal. Beides kann Vor- und Nachteile haben. Aber am Ende wiegen sie sich gegenseitig auf. Und englischsprachige Chefs sind ja auch keine schlechteren Vorgesetzten, nur weil sie duzen.

    Fazit:

    Der Schlüssel zu einem ausgewogenem Verhältnis zwischen Nähe und Distanz ist ein ehrliches und konsequentes Beziehungs- und Wertemanagement. Das heißt: Führungskräfte müssen in der Lage sein, sich gefühls- und beziehungsmäßig auf Situationen und Menschen einzustellen und die angemessenen Emotionen bei den Mitarbeitern und auch sich selbst zu wecken.

    Denn wenn ein Mitarbeiter beim Feiern zu Ihnen sagt: "Chef, Sie haben mir auf die Schuhe gekotzt, dann hilft Ihnen Ihr "Sie" auch nicht mehr weiter."

Also viel Spaß beim Feiern!

Ihr Heldenmacher

Marcus Appelt